Plagiate

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Sponskonaut
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Plagiate

Beitrag von Sponskonaut »

Da mich das Thema gerade beschäftigt, möchte ich es hier mal ansprechen. Vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen. Aufhänger ist ein Plagiatsfall, der sich Ende 2021 ereignet hat, von dem ich allerdings nichts mitbekommen hatte. War zu der Zeit ja im Krankenhaus und hatte entsprechend andere Sorgen. Um diesen Beitrag über die entsprechenden Schlagwörter nicht im Google-Index auffindbar zu machen und wieder Öl ins Feuer zu gießen, werde ich hier mal keine Namen nennen, sondern nur auf die Angelegenheit an sich eingehen.

Jedenfalls geht es um den Autor/Redakteur einer Redaktion, die alle möglichen popkulturellen Themen abdeckt. Ende letzten Jahres kam heraus, dass besagter Redakteur für einen Video-Einspieler, den er produziert hatte, den Text eines anderen Autoren (ohne dessen Zustimmung) verwendet und eingesprochen hatte – was logischerweise so nicht geht. Das hatte zur Folge, dass noch mehr seiner Plagiate herauskamen, nicht nur bei seinem damals aktuellen Arbeitgeber, sondern auch in erheblich größerem Maße bei den vorherigen. Die Redaktionen haben dann dementsprechend und vorsorglich alle Artikel von ihm gelöscht, der Redakteur wurde von seinem aktuellen Arbeitgeber gekündigt. Er hatte im Forum der Seite noch ein Statement dazu abgegeben und um Entschuldigung gebeten, was seine Motive aber nicht wirklich erklärt hat. So weit zur Sachlage.

Nun brauche ich sicherlich niemandem zu erklären, dass der Redakteur hier ein Verhalten an den Tag gelegt hat, das so einfach nicht geht, weil es allen ethischen und moralischen journalistischen Grundsätzen widerspricht. Einfach hinzugehen und unerlaubt das geistige Eigentum anderer als eigene Arbeit auszugeben, ist absolut verwerflich. Darüber kann und darf es keine zwei Meinungen geben – zumal es allein schon menschlich unterste Schublade ist, sich das anzueignen, worin andere Zeit, Hirnschmalz, Arbeit und Herzblut investiert haben. Klar, für ausgesprochene Pressetexte (bei Filmen sprechen wir hier z.B. von Inhaltsangaben, die per Pressemitteilungen an Journalisten rausgegeben werden), die 1:1 verwendet werden dürfen, gilt das natürlich nicht. Aber um die geht es hier nicht. Der Redakteur hat sich hier wirklich etlicher anderer Plattformen bedient, auf die man im Netz stößt, wenn man zu einem bestimmten Thema recherchiert.

Da ich ja nun selbst in diesem Bereich tätig bin und die Arbeitsabläufe weitgehend kenne, will ich einfach mal meine Einschätzung zu der Angelegenheit zum Besten geben. [zwinker]

Bei meinen "Kollegen" und mir läuft es mit den Aufträgen, die wir bekommen, so: Zunächst werden von den Redaktionen Keywords festgelegt. Diese Schlagwörter werden bspw. mittels "Google Analytics" erfasst. Das heißt, User haben diese Suchbegriffe bereits genutzt und sind über diese auf die Seite gelangt. Wenn es zu diesen Themen noch keine Texte gibt, gibt die Redaktion uns das als Auftrag weiter. Zur Info: Wir reden hier hauptsächlich von SEO-Texten (Search Engine Optimization), also Texten, die speziell an die Suchmaschinen-Mechanismen angepasst sind. Es gibt da gewisse Formen, die gewahrt werden müssen, um die Bedinungen zu erfüllen, sodass man im Ranking so weit oben wie möglich landet. Am Ende dienen diese Artikel dazu, Klicks zu generieren, die eigenen Zugriffszahlen zu "pimpen" und damit bspw. für Werbekunden attraktiv zu sein. Aber Fakt ist, dass sich auch "normale" Texte, seien es nun News, Reviews, Reportagen oder was auch immer, ebenso an diese Textkonventionen halten sollten, um vom User per Suchmaschinen gefunden zu werden. So viel zum Prozedere.

Aber wie wird nun gearbeitet?

Nun ja, man sucht sich erst mal ein Thema aus. Allerdings sind die Themen so vielfältig, dass man nicht zwangsläufig Ahnung davon haben muss. In meinem Fall bedeutet das, dass ich schlicht und ergreifend nur einen Bruchteil von den Filmen und Serien tatsächlich gesehen habe, über die ich da schreibe – und ich gucke schon sehr viel Zeug bzw. habe damals etliches geguckt. Würde ich nun aber auf Zeug warten, das ich wirklich gesehen habe, hätte ich so gut wie keine Aufträge. Was macht man also? Man recherchiert die nötigen Infos. Das hat der besagte Redakteur (ganz legitim) auch erst mal getan.

Allerdings – und hier fängt meine EInschätzung an – hat derjenige anscheinend nicht das Können und die Kreativität besessen, diese Informationen in eigenen Worten wiederzugeben. Stattdessen wurden ganz munter Sätze, Formulierungen und Textpassagen entweder 1:1 kopiert oder so leicht abgeändert, dass es als Plagiat immer noch erkennbar war. Ich denke, um Infos so zu verarbeiten, dass ein eigenständiger Artikel am Ende dabei rauskommt, muss man einen gewissen Wortschatz besitzen und schlicht und ergreifend die Fähigkeiten zum Texten haben. Beides scheint dem Redakteur gefehlt zu haben. Man hat das bei ihm auch schon vor der Kamera gemerkt, als er mal einen simplen Sachverhalt erklären sollte, aber stattdessen nur irgendwas zusammengestammelt hat. Dass er dabei auch noch mehr oder weniger den moralischen Zeigefinger erhoben hat, ist wieder ein anderes Thema. Später hat er teilweise sogar vor der Kamera Sätze anderer rezitiert, ohne das aber kenntlich zu machen.

Aus seinem alten Castingvideo geht auch hervor, dass er es reizvoll fand, "das Hobby zum Beruf" zu machen – der Klassiker. Aber ich glaube, dass er das vollkommen unterschätzt hat. Der Punkt ist, dass es trotzdem noch Arbeit und nicht damit zu vergleichen ist, ab und zu hobbymäßig eine Rezension oder dergleichen zu schreiben. Hier gibt es Vorgaben, hier gibt es Deadlines, Zeitdruck und eben die Erwartungen von Arbeitgebern oder Auftraggebern. Und soweit ich das mitbekommen habe, hat der Kerl auch journalistisch keine Ausbildung. Trotzdem ist das keine Entschuldigung dafür, das geistige Eigentum anderer ganz dreist zu verwenden. Dass man nicht abschreiben darf, bekommt man schon in der Schule beigebracht. Und auch Quellen anzugeben, wenn man auf Arbeiten anderer zurückgreift, ist nichts, was nur Leute vom Fach wissen.

Vermutlich – das unterstelle ich jetzt einfach mal – war auch eine Portion Narzissmus mit im Spiel. Er wollte vielleicht nach außen hin den Journalisten mimen, hat es mit seinen Mitteln und seinem Können aber nicht hingekriegt. Dass er so viel 1:1 kopiert hat, kann womöglich darauf zurückzuführen sein, dass er nicht als "nichtwissend" entlarvt werden wollte. Das ist auch etwas, worüber ich mir anfangs Gedanken gemacht habe. Ich dachte: "Würde das nicht blöd aussehen, wenn ich etwas über einen Film schreibe, den ich gar nicht kenne, und dann kommt irgendein Leser und weiß es besser?" Darüber habe ich tatsächlich lange gegrübelt, aber wie schon gesagt, kann man nicht alles gesehen oder gespielt haben – und man muss es meist auch nicht. Es kann durchaus sein, dass der besagte Redakteur meinte, es müsse zwingend immer so wirken, dass er von allen Themen eine tiefgehende Ahnung hätte. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das bei vielen Textarten einfach nicht notwendig ist, weil es da um andere Informationen geht. Wenn ich z.B. einen Text über "Matrix 5" schreibe, weil die Leute interessiert, ob diese Fortsetzung kommt, dann ist eben auch nur diese Information relevant. Da juckt es kaum einen, ob der Autor den vierten Teil tatsächlich gesehen hat oder nicht.

Ich könnte mich jetzt noch weiter in das Thema vertiefen, belasse aber für den Moment dabei. Aber eure Meinung würde mich mal interessieren.
"A man is rich in proportion to the number of things which he can afford to let alone.”
- Henry David Thoreau
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