2019 // Das perfekte Geheimnis

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Sponskonaut
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2019 // Das perfekte Geheimnis

Beitrag von Sponskonaut »

Da ich ihn mir jetzt schon zum zweiten Mal angeschaut habe (diesmal mit meiner Frau zusammen), will ich doch mal ein paar Worte zu "Das perfekte Geheimnis"von Regisseur Bora Dagtekin verlieren. Wer Interesse an dem Film und ein Amazon-Prime-Abo hat, sollte sich beeilen – denn der Film ist dort nur noch bis zum 30. Juni 2022 in der "Flatrate" enthalten!


  Handlung
Die Kindheitsfreunde Leo (Elyas M'Barek), Simon (Frederick Lau), Rocco (Wotan Wilke Möhring) und Pepe (Florian David Fitz) treffen sich mitsamt ihrer Partnerinnen zum Abendessen. Doch was als heitere und lockere Zusammenkunft angedacht war, entwickelt sich zum turbulenten und emotionalen Abend – denn Roccos Frau Eva (Jessica Schwarz) schlägt ein Spiel vor: Alle müssen ihre Smartphones auf den Tisch legen, jede eingehende Nachricht vorlesen und jedes Telefonat auf Lautsprecher führen.

Die Prämisse der Geschichte verspricht tatsächlich ein treibendes Kammerspiel – was "Das perfekte Geheimnis" auch im Großen und Ganzen ist. Klar, viele Gags (im Trailer sind im Grunde die besten schon zu sehen) wirken teilweise "typisch deutsch", also wenig subtil, sondern eher auf Schenkelklopfer-Niveau, aber der Humor macht den Film auch nicht einzig und allein aus – denn vielmehr handelt es sich hier um eine Tragikomödie. Selbstredend hat das nicht die Bissigkeit eines Roman Polanskis, aber stark ist der Film, wie ich finde, vor allem in den ernsteren Passagen. Eine allzu tiefgründe Charakterstudie ist der Streifen zwar nicht, aber die unterschiedlichen Auffassungen zu Beziehungen, Treue, Selbstakzeptanz und anderen Themen werden hier tatsächlich ganz pointiert herausgearbeitet.

Insgesamt sind die Rollen wirklich glänzend besetzt, aber wenn man sich den Cast mal anschaut, stellt man schnell fest, dass hier das Who-is-who des deutschen Kinos versammelt ist. Am stärksten fand ich noch Jessica Schwarz, die hier (neben Frederick Lau) wohl noch am ehesten als Charakterdarstellerin bezeichnet werden kann. Aber auch am Rest der Besetzung ist absolut nichts auszusetzen, das passt alles wirklich gut. Einzig Wotan Wilke Möhring als Schönheitschirugen zu besetzen, fand ich nicht so ganz stimmig. Ich kenne den Schauspieler eher als bodenständige Figur und nicht als Akademiker. Zumal hier auch noch versäumt wird, seinen Job ein bisschen genauer zu beleuchten. Hier und da ein Fachbegriff wäre für die Authentizität echt förderlich gewesen – was aber völlig versäumt wurde. Bei Jessica Schwarz, die eine Psychotherapeutin spielt, wurde das schon glaubhafter gezeichnet. Aber das ist tatsächlich nur ein kleiner Kritikpunkt.

Übrigens ist Bora Dagtekins Verfilmung nicht die erste Interpretation der Geschichte. Den Film gibt es schon aus etlichen Ländern und dementsprechend in etlichen Sprachen. Auf Netflix ist übrigens die französische Version "Le Jeu – Nichts zu verbergen" im Abo enthalten. Allerdings endet der Film komplett anders. Ähnliches gilt für das italienische Original "Perfect Strangers", der bei Amazon Prime und per Apple TV abrufbar ist. Ich habe davon zwar nur die französische Variante gesehen, die tatsächlich "bitterböser" endet, aber die deutsche Version gefällt mir sogar besser. Und das liegt nicht mal an dem Quasi-Happy-End, sondern an zwei anderen Punkten: Zum einen nimmt sich "Das perfekte Geheimnis" mehr (Lauf)-Zeit für seine Figuren, und zum anderen habe ich beim französischen Film wirklich zu gar keinem Charakter Zugang gefunden. Und ich finde, gerade bei solchen Themen, über die man nach einem Film (gerne auch in der Gruppe und mit anderen Pärchen) eigentlich vorzüglich diskutieren kann, sollte für jeden Zuschauer eine Seite dabei sein, auf die er sich schlagen kann. Wenn aber alle Charaktere gleich derart unsympathisch gezeichnet werden, fällt das unheimlich schwer.

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Mein Fazit ist, dass man sich dieses Kammerspiel durchaus mal anschauen kann, wenn man gegen deutsche Produktionen nichts hat. Übrigens: Ich hatte den Film zum ersten Mal in der Pressevorführung gesehen und bekam es damals so mit, dass der Streifen unter Filmkritikern schwer für seinen Umgang mit dem Thema Homosexualität kritisiert wurde. Der Vorwurf lautete, dass der einen Figur Homophobie zu schnell nachgesehen wurde, das Verhalten keinerlei Konsequenzen hätte und die Homophobie letztendlich als halb so wild abgetan wurde. Ich konnte das damals (ein Stück weit) nachvollziehen, zumal ich es in der PV mitgekriegt hatte, dass tatsächlich bei den homophoben Witzen teilweise herzlich gelacht wurde. Und ich hatte bei der Erzählweise nicht den Eindruck, dass das Dagtekins Absicht gewesen wäre. Mittlerweile denke ich aber, dass hier von bestimmten Seiten der allseits grassierende und obligatorische Schrei nach Konsequenzen und "Bestrafungen" laut wurde, die von der sogenannten Cancel-Culture ja gerne gefordert werden. Aber gut, das kann man sehen, wie man will. Für mich bleibt am Ende einfach das Fazit, dass es sich hier um einen eingeschworenen Frendeskreis handelt und sich die entsprechende Figur mehr oder weniger noch weiterentwickelt hat. Sprich: Ich finde, dass von einigen Kritikern tatsächlich ein zu großes Fass diesbezüglich aufgemacht wurde.

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"A man is rich in proportion to the number of things which he can afford to let alone.”
- Henry David Thoreau
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